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Heimatkunde mit Hotzenplotz

 

Liebe Leserinnen und Leser,

 

neulich vorm Alfelder Rathaus: Ein Mann in Begleitung zweier Damen nähert sich den Eingangsstufen. Alle in einem Alter deutlich jenseits der 55. „Seht, das ist der Blaue Stein…“, macht der Mann auf den Blauen Stein links von der Treppe aufmerksam. „Ah, tatsächlich“, antwortet eine der Frauen mit gespielter Neugierde. Offensichtlich findet hier gerade eine kleine, private Stadtführung statt. „Und was hat es damit auf sich?“, hakt sie nach.

 

Die Bürgermeistertochter habe darauf gesessen und geweint. Dadurch sei er blau geworden, sagt der Herr. Die beiden Damen zeigen sich jetzt aufmerksam und durchaus interessiert. Um mehr zu erfahren, animiert die Eine den Mann, weiterzumachen. „Ja…“, er macht eine kleine Pause, wohl, um etwas Zeit zu gewinnen. „Der Stein, die Bürgermeisterstochter, das steht im Zusammenhang mit dem Räuber…“ Der unfreiwillige Stadtführer in spe weiß nicht weiter. „Mit dem Räuber …?“, wiederholt die offensichtliche Wortführerin des Damenduos, damit er noch etwas Zeit zum Nachdenken bekommt, womit sie aber auch gleichzeitig den Druck auf den armen Mann etwas erhöht. Dem fällt der Name des Räubers partout nicht ein.

„Räuber Hotzenplotz!“ platzt es aus der zweiten Frau heraus, in die entstandene Pause hinein. Sie ist von der Richtigkeit ihres Einwurfs spürbar überzeugt. Jetzt ist der Zeitpunkt erreicht, zu dem ein Beobachter der Szene sich einmischen muss. „Räuber Lippold“, korrigiert er. Räuber Hotzenplotz sei der von Otfried Preussler erfundene Räuber, der gern Kaffemühlen stehle. Der Räuber Lippold sei eine Sagengestalt und der stehle gern Bürgermeisterstöchter, zumindest ein Mal. Und Geld. Und was Reisende sonst noch so mitführen würden.

 

Hotzenplotz existiere in den Büchern des Autors Preussler und des genialen Zeichners Franz Josef Tripp, und in der Fantasie der Leser. Lippold sei in Alfeld und Brunkensen verortet. Der eine werde öfter in Spritzenhäusern eingesperrt, warum eigentlich?, da kann ein Ausbruch ja nicht so schwer sein, esse Bratwurst mit Sauerkraut erschrecke gern die Großmutter – eine etwas angsteinflößende Gestalt, aber letztlich ungefährlich, obwohl mit Pfefferpistole bewaffnet. Der Räuber Lippold hingegen sei ein sehr finsterer Geselle, der auch vor mehrfachem Kindsmord nicht halt machte, und der, der Legende nach, deshalb auch eines vorzeitigen, gerechten Todes starb. Aber diese Erläuterungen denkt sich der Beobachter nur noch, denn die zwei Damen und der Herr sind bereits weitergegangen.

 

Etwas über die Heimat zu wissen, ist nicht verkehrt. Es gibt Ortskundige, die sich auf diesem Gebiet richtig gut auskennen. Die seit 50 Jahren, oder seit 5 Jahren, Stadtführungen machen. Wir woll'n hier keine Namen nennen, vielleicht nur den Verein für Heimatkunde Alfeld. Das Wissen der Welt findet man ja eigentlich bequem im Netz. Braucht man da noch Ortskenntnisse?

 

Die Gewissheit, alles wissen zu können, wenn es drauf an kommt, ist trügerisch. Wenn man gefragt wird, sind die eigenen Gehirnwindungen gefordert. Und wenn man eine Pfefferpistole vor die Nase gehalten bekommt, ist selten das Smartphone griffbereit. Und was würde es nützen, denn man muss ja erst einmal wissen, wonach überhaupt zu suchen wäre. Und welchen Sinn machen Fragen, wenn alle Antworten spielend leicht zu bekommen sind? Wenn Alexa und Siri alles vorsagen und einflüstern?

 

Diese SIEBEN:-Doppelausgabe erscheint am 28. Juni, dem Start der Sommerferien. Den ganzen Juli noch und bis zum 8. August, einschließlich, ist schulfrei. Nichts muss gelernt werden, das Büffeln hat Pause. Für die Erwachsenen stehen Urlaubstage bevor. Vielleicht ist genug Zeit, sich einmal mit dem zu befassen, was einen wirklich interessiert. Und womit man vielleicht irgendwann, in den richtigen Momenten, Ortsunkundige aufklären kann. Auch für scheinbar überflüssiges Wissen gibt es einen richtigen Moment.

 

Viel Spaß beim Lesen dieser SIEBEN: wünscht

Ihre SIEBEN:

 

 

PS: Man hätte den Namen des Räubers am Rathauseingang nachlesen können. Da ist nämlich eine kleine Erklärungstafel angebracht.

 

 

 

Viel Spaß beim Lesen und bei allen Ihren Aktivitäten wünscht

Ihre SIEBEN:

 

 

 

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